Ein guter Jahrgang

Heute morgen las ich folgende drei Nachrichtenmeldungen:

  1. Deutschland wird amerikanischer (Spiegel Online), über die Zunahme der Einkommensunterschiede in Deutschland
  2. 16 Stunden lernen (Süddeutsche), über das Abitur in Südkorea
  3. »Vollgas-Studenten« mit besten Aussichten (Rhein-Neckar-Zeitung, nicht online, Zitate s.u.), über den Abschlußjahrgang der Dualen Hochschule in Mosbach.

Bei der Lektüre der Artikel dachte ich mir jedesmal, daß ich es bisher eigentlich relativ gut gehabt habe, was Schule, Studium und auch Beruf angeht. Das hat natürlich viele Gründe, aber einiges davon hängt mit meinem Geburtsjahr 1981 zusammen. Im folgenden will ich versuchen zu beschreiben, was für mich anders gewesen wäre, wenn ich stattdessen 1991 geboren wäre.

Schule/Abi

Ich war 13 Jahre auf der Schule, konnte in der Oberstufe meine Leistungskurse (Mathe, Musik) nach Interesse wählen und hatte diese fünfstündig pro Woche. Mein Stundenplan sah von Klasse 5-13 so aus, daß ich an den meisten Tagen um 13:00 Uhr fertig war, manchmal um 14:00 Uhr und ganz selten um 14:50 Uhr. Wenn es wirklich so spät wurde, dann wegen AGs und nicht wegen der Pflichtfächer. Den Nachmittag konnte ich mir selbst einteilen (Hausaufgaben, Hobbies etc.).

Heute müßte ich mein Abi in zwölf Jahren machen. Einen Mathe-LK könnte ich nicht mehr wählen, da mittlerweile alle den gleichen vierstündigen Mathe-Unterricht bekommen. Dafür kann man Fächer wie »Wirtschaft« belegen. In Mathe müßte ich Aufgaben mit einem graphischen Taschenrechner lösen, um später an der Uni wieder mit Papier und Stift zu arbeiten. Mein Schultag würde irgendwann zwischen 16 und 18 Uhr enden.

Zivildienst

Ich durfte ein Jahr Zivildienst bei der Sozialstation machen, den ich nicht als Zeitverschwendung, sondern als stark prägende Erfahrung für meine persönliche Entwicklung empfand. Ich pflegte Alte und Kranke, lernte Hauswirtschaftliches (Putzen, Kochen) und arbeitet ein Jahr lang in einer 6-Tage-Woche (mit Wochenend-Dienst). Langeweile hatte ich keine, da wir nur zwei Zivis auf der Sozialstation waren und eher zuviel als zuwenig Arbeit da war, sodaß ich am Ende sogar ein paar Wochen Urlaub aus Überstunden hatte. Für mich, der neun Jahre nur das Universum »Gymnasium« kannte, um danach zum Elfenbeinturm »Uni« weiterzugehen, war dieses Jahr die einzige Berührung mit richtiger, »normaler« Arbeit.

Heute, da der Wehrdienst abgeschafft ist, müßte ich mich zum Bundes-Freiwilligendienst anmelden, und es ist fraglich, ob ich das wirklich machen würde. Hätte ich damals (2001) die Wahl gehabt, gleich zu studieren oder ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren, hätte ich mich wohl fürs Studium entschieden. Im Jahr 2011 und unter dem Eindruck von Artikeln wie z.B. dem oben genannten aus dem Spiegel wäre diese Wahl noch eindeutiger.

Studium

Ich durfte noch Diplom-Informatik an der Uni Karlsruhe studieren. Im Vordiplom versuchte ich erst Physik als Nebenfach, entschied mich dann aber für Mathe. In den Vorlesungen gab es keine Anwesenheitspflicht, die Klausuren waren kernig, an Übungsscheinen reichte im Vordiplom einer (!) aus Informatik I-IV und einer (!) aus den vier Mathe-Vorlesungen. Im vierten Semester war ich eigentlich in fast keiner Vorlesung, sondern bei meiner Freundin, oder ich erkundete das KVV-Tarifgebiet mit dem Semesterticket, das 68€ kostete. Trotzdem schnitt ich recht gut in den Klausuren ab, was aber ziemlich egal war, da die Vordiplomsnote nicht ins Diplomzeugnis einfloß. Im Hauptdiplom hörte ich mehr oder weniger aus Spaß »Verkehrsplanung« bei Prof. Zumkeller, wählte dann aber als Nebenfach nicht Verkehrswesen, sondern Musikwissenschaft, und belegte einige Seminare an der Musikhochschule. Studiengebühren wurden erst kurz vor Ende meines Studiums eingeführt. Mit zwölf Semestern blieb ich unter der durchschnittlichen Studienzeit.

Tja, und heute? Ich betreue als Doktorand Bachelor-Studenten und kann also ziemlich genau sehen, wie mein Studium heute aussähe. Als ich 20 war, hatte ich gerade Abi und stand vor dem Zivildienst; ein heutiger 20-Jähriger ist schon im 3. Semester. Im Bachelor wird die noch so unwichtigste Leistung benotet und zählt zur Gesamtnote; die Studenten sind zeitlich so stark eingespannt, daß ihnen nicht der Sinn danach steht, über den Tellerrand ihres eigenen Faches zu blicken und auch mal eine Vorlesung zu besuchen, die ihnen nicht unmittelbar Leistungspunkte bringt. Für ein Semesterticket würde ich heute 122,10€ zahlen, Studiengebühren pro Semester 500€, wobei diese im nächsten Sommersemester zum Glück wieder abgeschafft werden.

Abschließend…

Ich will natürlich nicht sagen, daß »früher alles besser war« – das liegt mir völlig fern. Ich möchte auch die zugrundeliegenden politischen Entscheidungen nicht alle schlechtheißen; einige finde gesamtgesellschaftlich sinnvoll (z.B. Wehrdienst), auch wenn sie für mich konkret nachteilig gewesen wären. Mein Abi ist nicht mehr wert als das heutiger Abiturienten. Das Diplomstudium an der Uni war auch ohne Pflichttermine recht hart. Man konnte allerdings durchs Studium kommen, ohne eine Zeile Code zu schreiben; das hat sich heute zum Glück geändert. Trotzdem bleibt der erkennbare Trend der Verschulung, der schon im Gymnasium ansetzt und auch die Uni betrifft (siehe dazu »Ihr Kinderlein kommet« von Magnus Klaue in konkret 11/2011), und die verkürzte Schul-/Studiumszeit. Ich persönlich bin froh, daß ich von den Umstellungen der letzten Jahre gerade noch verschont geblieben bin.

Es geht allerdings noch schlimmer, und damit komme ich zum Anfang zurück: Wenn ich nicht an der Uni, sondern an der Dualen Hochschule studiert hätte (was – zugegeben – recht unwahrscheinlich wäre), müßte ich mir an meiner Bachelor-Abschlußveranstaltung Sätze wie diese anhören (RNZ vom 05.12.2011):

(…) Schließlich gebe es keine Semesterferien, sondern allenfalls Urlaub, der Lehrplan an der Hochschule sei ebenso eng getaktet wie der Ausbildungsplan im Unternehmen. „Sie konnten nicht studieren wie und wann Sie wollten, sondern hatten Arbeitstage mit geregelten Arbeitszeiten“ (…)

Und von meinen Mitstudenten, die die Abschlußrede halten, dies hier:

„Student zu sein, ist nicht immer leicht. Dualer Student zu sein, war täglich eine Herausforderung. Wer auf der Autobahn der Innovationen nicht überholt werden will, muss Vollgas geben“. Für [die Redner] „steht der duale Student nicht früh auf, denn er geht nie schlafen“.

Man kann sich vorstellen, daß mir davon auch ohne das anschließende Besäufnis schon speiübel geworden wäre. Man muß dem Redner eigentlich danken, daß er so eine bildhafte Metapher gewählt hat, die das Idealbild des DH-Studenten zeichnet: ein übernächtigter Vollgas-Autobahn-Raser. Wohin die Reise auf dieser Autobahn geht, kann man dem oben verlinkten Artikel aus der Süddeutschen entnehmen:

Im Pisa-Ranking liegt Südkorea regelmäßig in der Spitzengruppe. Doch die OECD-Forscher stellten auch fest, dass die koreanischen Schüler die unglücklichsten sind – mit Abstand. Im März erregte ein Suizid Aufsehen: An einer bekannten Uni sprang ein Schüler in den Tod, bereits der vierte in kurzer Folge an der Hochschule.

Wie zum Hohn ruft man den DH-Studenten noch hinterher, immer „neugierig zu bleiben, Visionen zu entwickeln und immer den Kundennutzen im Auge zu behalten“. Wie sie diese Kreativität mit ihrem Vollgas-Tunnelblick entfalten sollen, sagt man ihnen nicht.


1 Kommentar

  1. 1. Alex

    Kommentar vom 27. Januar 2012 um 09:48

    Vielleicht sollte man an asiatischen Hochschulen einen Seppuku-Raum mit Belegungsplan einrichten, das würde die Scherereien in Grenzen halten… (Jaja, ich weiß, Südkorea ist nicht Japan).
    Genug des Zynismus: Ab 30 wird man zum alten Sack, oder was? 🙂 Anstatt das Ansprechen irgendwelcher Türkisch-Armenischer Konfliktthemen würde ich eher den von Dir erwähnten Satz verbieten. Auch damals konnte man schon 24/7 lernen, wenn einem das Pflichtbewusstsein trieb, und auch ich war in der Oberstufe (zwecks später aufstehen) öfters bis 16:00-17:00h in der Schule. Das Studium an der BA (DH klingt für mich fremd) ist doch »inflationsbereinigt« nur eine Ausbildung in einen speziellen Beruf, wie früher die Berufsschule. Die Anforderungen sind gestiegen, die Gehälter auch – aber auch die Voraussetzungen besser.
    Zurück zum Zynismus: »Kunden« im Sinne der DH sind natürlich die Unternehmen, die ihre Stifte dahin schicken. Und »Visionen entwickeln« lernt man im 3. Semester, zwischen Powerpoint und Rhetorik. »Neugierig« soll man bleiben, aber diesbezüglich gilt die Holschuld, nicht eine Bringschuld. Also nicht Fragen, sondern selbst antworten (z.B. nach Konsultation des Internet).
    Leute, die »irgendwas Kreatives« machen wollen, haben wir genug, was bringen die denn dem BIP?

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